Ungeahnte Unfähigkeiten. Die Kehrseite körpersoziologischer Kompetenzorientierung.

Frühjahrstagung 2018 der Sektion "Soziologie des Körpers und des Sports" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

17.-18. Mai 2018, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Besonders leistungsstarke, belastbare, kunstfertige oder disziplinierte Körper faszinieren — ob in Sport, Tanz, darstellender Kunst, oder im Alltag. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten begeistern nicht nur Alltagsbeobachter, sondern auch die Soziologie. Weniger bzw. ungewolltes Aufsehen erregen hingegen meist solche Körper, die vermeintlich einfachste Dinge nicht können oder verlernen, die scheitern oder vergehen. Die Frühjahrstagung der Sektion „Soziologie des Körpers und des Sports“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie widmet sich in diesem Jahr speziell diesen Körpern und ihren ‚Ungeahnten UnFähigkeiten‘. Die Tagung will eruieren, wie gerade Un-Fähigkeiten gesellschaftlich konstruiert und verhandelt werden und wie sie körpersoziologisch gewinnbringend untersucht werden können.

Damit will die Tagung gezielt am Kompetenzbias der Körpersoziologie vorbeischauen: Körpersoziologische Studien interessieren sich bislang meist für Praktiken und Felder, in denen Körper in Ausnahmesituationen auftauchen und über herausragende Kompetenzen verfügen. Daneben deuten sie aber auch alltägliche körperliche Vorgänge (wie das Gehen) gerne als bemerkenswerte Fähigkeiten um, und machen vermeintlich gegebene Eigenschaften (wie Geschlecht) als Ergebnis komplexer (Herstellungs-)Leistungen und Kulturtechniken sichtbar. Körperliche Kompetenzen haben jedoch eine oft übersehene, komplexe Kehrseite des Unvermögens, der Unfähigkeit oder Inkompetenz, die auf der Tagung im Mittelpunkt steht.

Um sie sichtbar zu machen, versammelt die Tagung in erste Linie empirische Beiträge aus Soziologie, Science and Technology Studies, Disability Studies und Sprechwissenschaften. Sie untersuchen körperliche UnFähigkeiten in sozialen Feldern und Praktiken der Dienstleistung, Rehabilitation, (Selbst-) Hilfe, Beratung und Wissensvermittlung. Betrachtet werden Institutionen, Diskurse und Materialitäten sowie zeitliche Ordnungen, die im Zusammenhang mit körperlichen UnFähigkeiten auftauchen, und wie sie auf Körper, Erfahrungsräume und Identitäten zurückwirken. Gemeinsam ist allen Beiträgen ein Interesse für die Ambivalenzen und Kippmomente der UnFähigkeit: Wie werden Fähigkeiten als Unfähigkeiten gerahmt und umgekehrt? Wie werden körperliche Zustände, Eigenschaften oder Prozesse zuallererst zu etwas, das man ‚können‘ kann? Und wie werden umgekehrt herausragende körperliche Leistungen naturalisiert?

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Um Anmeldung wird gebeten.

 

Tagungsorganisation
Dr. Tobias Boll und Philip Lambrix, M.A.
Institut für Soziologie
Kontakt: tobias.boll [at] uni-mainz.de / lambrix [at] uni-mainz.de